Nach Bleigießen-Verbot und Böller-Diskussion könnte 2026 das Start-Jahr für die Arbeit an der eigenen Haltung werden – und das Aus für gute Vorsätze. Üblicherweise ist so ein Jahreswechsel der Höhepunkt guter Absichten: mehr Fokus, weniger Stress, mehr Sport, mehr Zeit für die Kinder, mehr Yoga. Endlich das Richtige tun. Alljährlich folgt den guten Silvester-Vorsätzen eine Vorsatz-Routine: Kaum ist die erste Januarwoche rum, führt der selbstgefasste Vorsatz zu Stress und Überforderung. Die Folge: Der Vorsatz wird vergessen und in die Dunkelkammer nie umgesetzter Vorsätze verschoben. Statt Freude über erzielte Erfolge machen sich innere Scham und heimliche Schuldgefühle ebenso breit wie die erneut gestärkte Überzeugung, nicht diszipliniert, beherrscht, sportlich, ambitioniert…genug zu sein. Das, was man schon lange hätte tun müssen, wird auch im nächsten Jahr wieder zu einem guten Vorsatz.
Unnützes Denken in Handeln verwandeln
Die gute Nachricht: Hinter unseren verfehlten Zielen und nie erreichten guten Vorsätzen steckt weniger mangelnde Disziplin als vielmehr ein Denkmodell, das nicht mehr passt. Das vielleicht noch nie gepasst hat. Das, was wir als guten Vorsatz formulieren, will demnach nur ein Teil von uns. Ein anderer Teil von uns möchte genau dieses Ziel auf gar keinen Fall verfolgen. Dieser Teil reagiert mit Widerstand und boykottiert den guten Vorsatz. Wir haben es einfach verlernt, die Stimmen, die sich so bemerkbar machen, wahrzunehmen.
Grenzen klassischer Problem-Ziel-Logik
Hinzu kommen die eben nicht mehr gradlinigen, verlässlichen, stabilen und eindeutigen Kontexte, in denen wir heute leben. Für den Umgang damit greift die klassische Problem–Lösung–Ziel-Logik zu kurz. Die Idee dahinter: wir wissen, was das Problem ist, welche Lösung die richtige ist und welches Ziel uns trägt. So einfach ist es heute üblicherweise nicht mehr. Und dabei scheint nicht die Welt zu kompliziert – unsere Erwartungen an Eindeutigkeit werden unserem Leben schlicht nicht mehr gerecht.
Damit aus Vorsätzen ein „einfach machen“ werden kann, lädt der systemische Blick zu einem Perspektivwechsel ein: Statt „Was will ich erreichen?„ öffnet die Frage „Wovon will ich mich leiten lassen?“ den Raum. Tatsächlich machbare Vorhaben entstehen aus Orientierung, nicht durch (Selbst-)Kontrolle. Aus Klarheit durch Selbstklärung, nicht durch Selbstoptimierung und Anpassung.
Drei Fragen für Haltung statt Vorsatz
Lange genug haben wir uns mit sogenannten guten Vorsätzen an messbaren Zielen abgearbeitet und dabei einen Teil des eigenen Selbst auf die inneren Barrikaden gejagt. Stattdessen unterstützt Selbstklärung das Finden einer Haltung, die uns motiviertes Handeln ermöglicht. Hier drei beispielhafte Fragen für alle, die das neue Jahr dafür nutzen möchten, Klarheit über die eigene Haltung zu gewinnen:
- Wofür will ich ansprechbar bleiben – auch wenn es unbequem wird?
- Welche Werte sollen mein Handeln leiten, wenn es keine klare Lösung gibt?
- Wo darf ich mir erlauben, nicht fertig zu sein – und trotzdem wirksam?
Warum Irritation und Nicht-Wissen wichtig sind
Das erfordert Mut. Denn eigene Haltung bedeutet auch: Ecken und Kanten zu zeigen, Ambivalenzen auszuhalten und nicht jedes vermeintlich schlechte Gefühl vorschnell zu „reparieren“. Unsicherheit und Irritation verweisen auf unbewusste Bedürfnisse, die berücksichtigt werden wollen. Genau hier liegt die Chance auf Entwicklung: im bewussten Umgang mit Nichtwissen, inneren Widersprüchen und offenen Zukünften.
Zukunftskompetenz innere Arbeit
Dabei geht es nicht um schneller, höher, weiter, effizienter, passgenauer, sondern um Tiefe, Resonanz und den Umgang mit Unbewusstem. Nicht mehr Ziele, sondern bessere innere Bezugspunkte. Fähigkeiten wie Selbstreflexion, Sinnorientierung, Verbundenheit und verantwortliches Handeln werden damit zu Zukunftskompetenzen.
Was Coaching hier leisten kann – und was nicht
Coaching ist nicht der passende Ort für den „richtigen Vorsatz“. Coaching ist ein Denk- und Resonanzraum, in dem Menschen ihre eigenen inneren Landkarten überprüfen, erweitern und neu ordnen können. Ein Raum, in dem es nicht um schnelle Lösungen geht, sondern Orientierung entstehen darf.
Einladung zum Jahreswechsel
Mein Wunsch zum Jahreswechsel ist deshalb kein Vorsatz im klassischen Sinn, sondern eine Einladung:
👉 Überlege, wie es dir gelingen kann, etwas weniger an dir zu arbeiten – und etwas zu dir im Ganzen zu stehen.
👉 Versuche, dich bei deinem Handeln etwas öfter an deinen inneren Werten zu orientieren – auch dann, wenn der Weg noch unklar ist.
👉 Erlaube dir unterwegs zu sein und noch nicht alles zu wissen: beobachtend, erkundend, denkend und lernend.
So kann Selbstschädigung durch Anspruch zu Zuversicht durch Haltung werden.
Have a Happy New Year!





